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Anatomische Besonderheiten beim Meerschweinchen

By Praxis on 18. Februar 2005 in Informationen
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Mit freundlicher Genehmigung von www.fraumeier.org

Die Zähne:

Die Meerschweinchen besitzen 20 Zähne, die zeitlebens weiterwachsen. Mancher Mensch wäre wohl froh um solche Zähne, beim Schweinchen sind sie leider häufig Ursache vieler Probleme. Die Schneidezähne sind zum Abbeißen und Nagen konstruiert, die Backenzähne zermahlen das aufgenommene Futter durch eine Vorwärts- Rückwärts- Bewegung (das Kiefergelenk ist ein Schubladen- oder Schlittengelenk). Dabei schleifen sich gleichzeitig die Zähne aneinander ab. Dieser Verlust an Zahnsubstanz und ebenso das Neuwachstum der Zähne beträgt ca. 2 mm pro Woche, die enthaltenen Bestandteile, hauptsächlich Kalzium und Mineralien, werden als feines Pulver abgeschluckt und können bei Bedarf im Darm wieder resorbiert werden

Hieraus folgt für die Ernährung, dass die Meerschweinchen zweierlei Nahrungsbestandteile aufnehmen müssen: zum Einen Material zum Nagen und Abschleifen der Schneidezähne, zum Anderen Futterbestandteile, die sehr lange zermahlen werden müssen um die Backenzähne in Form zu halten.

meerschweinchen
Die Zähne beim Meerschweinchen (aus Cooper/Schiller, Anatomy of the Guinea Pig).
Man beachte: die Schneidezähne berühren sich physiologischerweise NICHT

Der Magen – Darm – Trakt

Der Magen der Meerschweinchen ist sehr dünnwandig, weil seine Muskulatur nur schwach ausgebildet ist. Aufgrund dessen kann das Meerschweinchen nicht erbrechen und die aufgenommene Nahrung nicht selbständig weitertransportieren, sondern ist darauf angewiesen, dass durch ständige Nahrungsaufnahme der Nahrungsbrei weiter in den Darm geschoben wird. Deswegen nehmen die Tiere in der Natur über den Tag verteilt etwa 60 – 80 kleine Mahlzeiten auf, die gleichzeitig für den Weitertransport des Mageninhaltes sorgen. Das Fassungsvermögen des Magens beträgt bei einem erwachsenen Tier ca. 20 bis 30 ml.

Ein Nachteil für die Tiere liegt darin, dass einmal aufgenommene Futtermittel den gesamten Verdauungskanal passieren müssen, bevor sie wieder ausgeschieden werden können. Da eine Darmpassage vier bis fünf Tage andauern kann, wird auch ein schlecht verträgliches Futtermittel dem Tier möglicherweise so lange Probleme verursachen.

Logische Forderung an die Ernährung ist daraus, dass immer Futter zur freien Aufnahme zur Verfügung stehen muss und dass dieses Futter von einwandfreier Qualität sein sollte

Der Dickdarm des Meerschweinchens ist auf Zelluloseverdauung spezialisiert. Der Blinddarm (Zäkum) ist eine relativ große Gärkammer, die bis zu einem Drittel des Bauchhöhlenvolumens einnehmen kann. Die Darmflora besteht überwiegend aus Bakterien, die ohne Sauerstoffzufuhr leben können (Anaerobiern) und grampositiven Bakterien wie Kokken und Laktobazillen. Diese spezielle Bakterienflora ist in der Lage, Zellulose aufzuspalten, wodurch leicht verdauliche freie Fettsäuren entstehen, die dem Meerschweinchen als leicht umsetzbare Energie zur Verfügung stehen.
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Damit diese arteigene Darmflora perfekt funktioniert, muss das Darmmilieu bei einem ph-Wert von 8 – 9 liegen, somit deutlich basisch sein. Dies ist nur bei der Fütterung rohfaserreicher Futtermittel gewährleistet. Die Verfütterung von zucker- oder stärkereichen Futtermitteln bewirkt nämlich, dass der ph-Wert auf Werte zwischen 5 und 6 absinkt. Die Folge ist ein Absterben der lebenswichtigen normalen Darmflora und ein Überwuchern mit unerwünschten Bakterien, die nicht in der Lage sind, Zellulose aufzuspalten und die lebenswichtigen Stoffwechselprodukte herzustellen.

Im Blinddarm wird als Endprodukt der sogenannte Blinddarmkot, die Caecotrophe, gebildet. Dabei handelt es sich um einen speziellen Weichkot, dessen Anteil am Gesamtkot bei über 30 % liegt. Er passiert die weiteren Abschnitte des Darmes weitgehend unverändert und wird von den Tieren direkt vom Enddarm aufgenommen und unzerkaut geschluckt, was meist als „Putzbewegung“ zu beobachten ist

Dieser Blinddarmkot besteht aus Bakterien, diese wiederum enthalten Eiweiß, Kohlenhydrate und Vitamine, in geringem Maße auch Fette. Die Bakterien werden durch die Salzsäure des Magens inaktiviert und anschließend werden sie im Magen und Dünndarm aufgelöst und verdaut. So können die Schweinchen ihren Bedarf an tierischem Eiweiß selbst decken.

Auf diese Weise sind die Schweinchen in der Lage, aus zellulosereichen Futtermitteln, die keinerlei sonstigen Inhaltstoffe enthalten müssen, alle für sie notwendigen Nährstoffe selbst zu synthetisieren. Das Meerschweinchen ist lediglich auf die Zufuhr von Vitamin C angewiesen.

Der Grimmdarm (Kolon) verfügt über einen Mechanismus, der durch eine an der Darmwand gelegenen Rinne Zellulosepartikel zurück in den Blinddarm transportieren kann. Dadurch können Meerschweinchen bei rohfaserarmer Fütterung dennoch lange Zeit einen Zellulosemangel ausgleichen

Die wichtigsten Anforderungen an die Ernährung aus anatomischer und physiologischer Sicht sind:

  • Material zum Nagen, damit die Schneidezähne abgenutzt werden,
  • Futter, das zum Abschleifen der Backenzähne geeignet ist (Rohfaser),
  • Ständige Verfügbarkeit von Futter, damit der Nahrungstransport vom Magen in den Darm gewährleistet ist,
  • Qualitativ gutes Futter, es wird 4 – 5 Tage im Tier bleiben,
  • Kein Zucker oder Stoffe, die in Zucker abgebaut werden, damit der pH-Wert im Magen- Darm- Kanal nicht absinkt und die Verdauungsflora zerstört,
  • Vitamin C- Zufuhr

Fütterungsfrequenz

Meerschweinchen nehmen in der Natur etwa 60 – 80 mal am Tag Nahrung in kleineren Portionen auf. Das ist zum einen wichtig für die Funktion der gesamten Verdauung, zum anderen für das konsequente und korrekte Abschleifen der Backenzähne. Diese Fütterung lässt sich natürlich beim Hausmeerschweinchen nicht nachvollziehen.

Beobachtungen der eigenen Tiere mit Garten- Freilauf haben gezeigt, dass sie sich den Tag in einen 2 Stunden – Rhythmus einteilen. Sie fressen etwa eine halbe Stunde und ziehen sich danach für anderthalb Stunden zur Siesta zurück. Dann rückt die gesamte Herde erneut zur Futtersuche aus. Bemerkenswert ist dabei, dass sie in aller Ruhe und Gemütlichkeit grasen, zwischendurch auch an bereitliegendem Heu und Obstzweigen mümmeln und nach den Mahlzeiten nie einen vollgefressenen oder schlappen Eindruck hinterlassen. Mehrere andere Schweinchenhalter bestätigten diese Beobachtungen.

Trotzdem stürzten sich die selben Tiere im häuslichen Innengehege meist gierig auf das angebotene Futter und hörten nicht auf zu Fressen, solange Grünzeug vorhanden war. Dementsprechend lagen sie hinterher schlapp und träge bis zum nächsten „Essenfassen“ im Heu.

Das hat uns dazu veranlasst, die Tagesration auf mehrere tägliche Fütterungen zu verteilen. Je nach Möglichkeit bekommen sie nun zwischen 6 und 8 entsprechend kleinere Mahlzeiten. Zusätzlich können sie nach Belieben Heu essen und Wasser trinken.

Welches Futter

Grundfuttermittel für Meerschweinchen ist Heu, Heu, Heu und nochmals Heu. Es muss ganztägig in ausreichender Menge zur freien Aufnahme zur Verfügung stehen. Beim Verzehr von Heu wird viel Speichel gebildet, dieser optimiert das Darmmilieu und aktiviert die Verdauung. Wenn einem schon das Wasser im Mund zusammenläuft schmeckt es natürlich auch hinterher viel besser. Von anderen Autoren (Ruth Morgenegg) wird sogar empfohlen, als erste Mahlzeit des Tages ausschließlich Heu anzubieten.

Die Leibspeise der meisten Schweinchen aber ist Grünfutter. Es schmeckt gut, enthält alle wichtigen Nährstoffe und macht nicht dick. Es darf und soll also reichlich angeboten werden. Dazu zählen vor allem Gras, viele Wiesenkräuter, Maisblätter und der Löwenzahn.

Dieses Futter sollte nicht nass sein, sondern richtig trocken. Wenn es kein trockenes Gras gibt, heute pflücken und bis morgen trocknen lassen, auch auf die Gefahr hin, dass es dann schon ein wenig welk ist. Natürlich fressen die Tiere auch in der Freilandhaltung nasses Gras, bei den relativ kleinen Mengen, die sie draußen pro Mahlzeit aufnehmen, scheint das jedoch keinen Schaden anzurichten. Die Fütterung von feuchtem Futter und auch von Gurken und Tomaten und Ähnlichem sollte grundsätzlich in größeren Mengen vermieden werden. Feuchtes Futter ist selbsterhitzend und die Tiere können davon Fehlgärungen bekommen, besonders im Blinddarm, die sich in Koliken, Durchfall oder Blähsucht äußern.

Natürlich bekommen die eigenen Tiere auch Köstlichkeiten wie Gurke, Paprika, Fenchel und viele andere Obst- und Gemüsesorten. Dies geschieht jedoch niemals in größeren Portionen, sondern immer nur als kleines „Bonbon“ zwischendurch.

Man sollte darauf achten, dass Gras nicht an Straßenrändern oder Plätzen gepflückt wird, an denen Hunde ihre Geschäfte hinterlassen. Obst und Gemüse sollten nicht gespritzt sein, sicherheitshalber kann man sie gründlich waschen oder, wenn man ganz sicher gehen will, schälen. Allerdings enthalten die Schalen die meisten Vitamine. Saftfutter, das die Meerschweinchen bis zur nächsten Mahlzeit nicht gefressen haben, muss entfernt werden.

Zusätzlich kann man den Tieren Zweige von Birke, Apfel und Haselnuss, gerne auch mit Blättern ins Gehege legen. Vorsicht bei Pflaumenbäumen, die Rinde enthält Spuren von Blausäure.

Wenn diese Basisfütterung gelegentlich mit Karotte, Apfel, Fenchel oder anderem frischen Obst und Gemüse ergänzt wird, braucht man sich um die Ernährung nicht mehr viele Gedanken zu machen, dann hat man eine Fütterung, die für alle Meerschweinchen gut und gültig ist.

Winterfütterung

Leider gibt es einige Monate im Jahr, in denen dieses hauseigene Grünfutter nicht lieferbar und der Gemüsehändler letztendlich für die Futterbeschaffung zuständig ist. Hier eignen sich diverse Salate, die Tiere werden schnell selbst entscheiden, welche Sorten ihnen am besten schmecken.

Prinzipiell können alle Salate angeboten werden, die wir als Tierhalter selbst auch essen, so z.B. Endivien-, Eis-, Römer- und Feldsalat,Chicoree und Karottenkraut.

Auch hierbei gibt es einige Fakten zu beachten. Kopfsalat und Endivie können Nitrat besonders gut speichern. Da sogar im Trinkwasser schon erhöhte Nitratbelastungen gefunden wurden, ist auch Treibhausgemüse nicht völlig gefahrlos. Der Stickstoff aus Düngemitteln wird in den Pflanzen zu Nitrat abgebaut. In den Sommermonaten wandeln die Pflanzen das Nitrat großteils in Eiweiß um, während sie sich im Winter damit anreichern. Das mit der Pflanze aufgenommene Nitrat wird im Körper von Mensch und Tier in die krebserregenden Nitrosamine umgewandelt.

Man kann in den Käfig auch Fichten- oder Tannenzweige legen. Die Tiere verstecken sich sehr gerne darunter und sie verspeisen die Nadeln mit viel Genuss. Viele andere Nadelhölzer, speziell die als Hecken häufig genutzten Eiben und Thujen enthalten tödliche Gifte.

Kartoffeln

Eine häufige Frage ist, ob Kartoffeln an Schweinchen verfüttert werden dürfen. Kartoffeln sind besonders stärkereich und enthalten sehr viel kompakt verpackte Energie. Sie sind deshalb „Nahrungsmittel der Wahl“ zur Winterfütterung bei Tieren in Freilandhaltung. In solchen Spezialfällen ist der Magen der Schweinchen zu klein, um die Futtermenge überhaupt aufzunehmen, die alleine zur Temperaturregelung nötig wäre. Natürlich muss zwingend dazu Heu in ausreichender Menge serviert werden.

In geringer Menge können Kartoffeln in Scheiben geschnitten roh gefüttert werden. Am vorteilhaftesten werden sie jedoch gekocht (aber kalt) angeboten. Als Kartoffelflocken sind sie ein energiereiches Kraftfutter.

Vor der Fütterung sollten die ungenießbaren Triebspitzen und eventuelle grüne Stellen ausgeschnitten werden.

3 Comments

  1. FirstRodolfo 4. November 2017

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  2. C. Hartich 28. Januar 2017

    Moin, vielen Dank für Ihre sehr informativen Informationen!
    Wir haben drei Meerschweinchen aus dem Tierheim übernommen und ich weiß nicht, ob es dir richtige Entscheidung war. Ich bin sehr achtsam, was den guten Umgang mit Tieren angeht und hätte mir die Pflege nicht so aufwendig vorgestellt- und das Herausfiltern guter Informationen bezüglich Haltung und Pflege. Wie Sie schreiben, meint Frau Morgenegg, dass am Morgen am besten nur Heu zu geben ist und sie schreibt, das es auf jeden Fall zu vermeiden ist, Grünzeug und Heu zusammen zu geben, da es Durchfall verursachen könnte. Aber Heu soll doch stets und überhaupt immer … vorhanden sein, was ist denn nun sinnvoller, wenn ich das Heu rausräume, wenn der Gemüseteller kommt? Und-ich muss ja auch zur Arbeit. Da dann wirklich nur Heu und Trockenfutter oder auch Salat, damit sie Verschiedenes zu fresse haben?
    Im Winter ist es wirklich schwer, adäquates Futter bereitzustellen. Bei Ihnen habe ich jetzt gelesen, dass es sinnvoll ist, verschiedene Salate anzubieten und keinen gefüllte Gemüseteller, was ich an anderer Stelle immer wieder sah und las. Auch, dass man die Meeries Umerziehung kann, also an andere Gemüsesorten gewöhnen kann verwirrte mich. Sie schreiben, das Mensch merkt, was ihnen schmeckt. Wenn also Sellerie und Steckrüben zumeist liegen gelassen wird, sollte ich es dann aus dem Angebot herausnehmen? Ich lese Ihren Artikel so, dass sie durch gutes Heu und ab und zu Gemüse ( Vitamin C durch Paprika z.B.) ausreichend versorgt sind. Und manche verteufeln Trockenfutter manChe geben es – ohne Getreide. Was sagen Sie? Wenn ihr zur Arbeit gehe, lege ich reichlich Heu und gutes Trockenfutter (weißlich, ob es gut ist, nur da es teuer ist?) Rein.
    Bei der Pfege bin ich auch unsicher. Soll ich die Zähne und ab und zu den After kontrolllieren oder damit zum Tierarzt / Tierärztin? Die Tiere sind sehr sehr scheu und es ist absoluter Stress für sie hochgekommen zu werden.
    Entschuldigung, dass ich jetzt so viel geschrieben habe; Ihre Seite hat mir einfach viel Vertrauen eingeflößt.
    Mit freundlichem Gruß
    C.Hartich

  3. Carlton 10. November 2016

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